Die Gefangenschaft von König Richard Löwenherz

21. Dezember 1192: Der englische König Richard Löwenherz brät sich in einer ärmlichen Unterkunft im Wiener Vorort Erdberg ein Hüh...

21. Dezember 1192: Der englische König Richard Löwenherz brät sich in einer ärmlichen Unterkunft im Wiener Vorort Erdberg ein Hühnchen. Er hat sich als einfacher Pilger verkleidet und verbirgt seinen königlichen Rang so gut es geht.

Denn Österreich ist Feindesland: Während des dritten Kreuzzuges hatte Richard Löwenherz den österreichischen Herzog Leopold V. schwer beleidigt. Die beiden Herrscher haben sich im Zorn getrennt, doch nun führt den englischen König sein Heimweg ausgerechnet durch die Länder Leopolds.



Richards Gefangennahme in Österreich

Was dann passiert, berichtet der Geschichtsschreiber Otto von St. Blasien. Laut Otto unterläuft Richard ein schwerwiegender Fehler: Er trägt einen prächtigen Ring am Finger – das passt so gar nicht zur Rolle als einfacher Pilger. Prompt wird ein Anhänger Herzog Leopolds auf ihn aufmerksam und erkennt in dem vermeintlichen Pilger den englischen König.

Richard Löwenherz wird überwältigt und als Gefangener des österreichischen Herzogs abgeführt. Es ist der Beginn einer wechselvollen Gefangenschaft, die über ein Jahr dauern sollte. Wie es dem gefangenen König in Haft erging und wie er sich schließlich befreien konnte, darum soll es im heutigen Blog-Artikel gehen.

Dieser Ausschnitt aus einer Seite des "Liber ad honorem Augusti" des Petrus de Ebulo (fol. 129r) zeigt den Moment der Gefangennahme von Richard Löwenherz in Erdberg bei Wien. Die bewaffneten Krieger haben die Verkleidung durchschaut! (Abbildung: Wikimedia Commons)

Hintergründe für die Gefangennahme Richards

Im Jahr 1191 belagerten die Teilnehmer des Dritten Kreuzzuges – unter ihnen Herzog Leopold – die Hafenstadt Akkon. Das Heer der Belagerer ist jedoch zu schwach, die Stadt fällt erst als die Könige von England und Frankreich mit neuen Truppen im Heiligen Land eintreffen. Doch statt den militärischen Triumph gemeinsam zu feiern, kommt es beim Einzug in die eroberte Stadt zum Bruch zwischen Leopold und Richard Löwenherz.

Was genau passiert ist, das lässt sich heute nicht mehr genau rekonstruieren. Einige Kreuzzugsteilnehmer berichten, dass Richard das Banner des österreichischen Herzogs zu Boden werfen ließ. Das kam einer krassen Beleidigung Leopolds gleich, die dieser nicht auf sich sitzen lassen konnte. Denn im Mittelalter waren die adeligen Herrscher stets darauf bedacht, ihren Rand und ihre Ehre zu verteidigen. Der Streit zwischen Leopold und Richard eskaliert nach dieser öffentlichen Demütigung deshalb sofort.

Dabei ging es nicht um persönliche Befindlichkeiten oder selbstsüchtige Eifersüchteleien, sondern vor allem um handfeste materielle Ansprüche, um Macht und um Herrschaft. Denn Leopold hatte den englischen König wohl zuerst provoziert, indem er sein Banner an der Spitze eines Turmes der eroberten Stadt gehisst hatte. Auf diese Weise betonte Leopold seinen Rang und forderte einen Anteil am Sieg – und an der Beute! Das wollte Richard ihm aber offenbar nicht zugestehen und reißt deshalb das Banner zu Boden – womit er die Ehre Leopolds öffentlich schwer verletzt.

Richard Löwenherz macht sich am 30. Oktober 1192 auf den Heimweg nach England. Die Gefangennahme Richards in Österreich kurz darauf ist dann eine Reaktion Leopolds auf diese ehrverletzende Beleidigung durch den englischen König.

Auf der Burg Dürnstein wurde Richard Löwenherz unmittelbar nach seiner Gefangennahme in Haft gehalten. (Abbildung: Wikimedia Commons, QEDquid)

Richard als Gefangener des österreichischen Herzogs

Richard Löwenherz wird als Gefangener vor den österreichischen König geführt. Die nächsten Monate verbringt der englische König in der Burg Dürnstein in Haft. Wenige Tage nach der Gefangennahme berichtet Leopold dann Kaiser Heinrich VI. von seinem prominenten Gefangenen. Der Kaiser erkennt sofort die Chance, aus der unverhofften Gelegenheit politisches Kapital zu schlagen.

Kaiser Heinrich VI. kontaktiert sofort König Philipp August von Frankreich. Auch der französische König ist nicht besonders gut auf Richard Löwenherz zu sprechen. Unter anderem hatte Richard seine Verlobung mit Alix, der (Halb-)Schwester von Philipp August aufgelöst und so den französischen König vor den Kopf gestoßen. Auch Streitigkeiten um die Stellung mehrerer französischer Herzogtümer hatten für Spannungen zwischen Richard und Philipp August gesorgt.

Doch bevor Leopold seinen Gefangenen an Kaiser Heinrich VI. übergibt, will er sichergehen, dass er auch einen Teil des Kuchens abbekommt. Er schließt deshalb einen Vertrag mit dem Kaiser, in dem detailliert festgelegt wird, wie viel Lösegeld mindestens gezahlt werden muss und wie viel davon Leopold erhalten soll. Unter anderem werden 23 Tonnen Silber gefordert – eine horrende Summe, die zwei Jahreseinkünften der englischen Krone entspricht! Am 28. März 1193 übergibt Leopold V. dann schließlich den gefangenen König in Speyer an den Kaiser, der ihn auf die Burg Trifels bringt.

Die Burg Trifels, auf der Richard Löwenherz von Kaiser Heinrich VI. gefangen gehalten wurde. (Abbildung: Wikimedia Commons, Arno Kohlem)

Die Gefangenschaft auf der Burg Trifels

Die Wahrung der eigenen Ehre als wichtiges Motiv für das Verhalten mittelalterlicher Herrscher spielt auch bei der Behandlung Richards während der Gefangenschaft auf der Burg Trifels eine zentrale Rolle. Denn oft wurde der Rang eines Gefangenen auch in Haft berücksichtigt. Enzio, dem Sohn Kaiser Friedrichs II., wurden zum Beispiel sogar goldenen Ketten angelegt, als er in Bologna in Haft war.

So viel Rücksicht nahm man auf Richard Löwenherz aber nicht: Peter von Blois berichtet dem Mainzer Erzbischof in einem Brief, dass der englische König von Kerkerketten und Hunger gequält werde und man ihm die Nahrung verweigere. Wie lange diese harte Behandlung Richards andauerte, können wir heute nicht mehr feststellen.

Die Verschärfung der Haftbedingungen war jedoch ein oft genutztes Mittel, um eine rasche Bezahlung des Lösegeldes zu erwirken. Auch die Haft auf dem Trifels sollte wohl dazu dienen, die Verhandlungen um die Freilassung Richards zu beschleunigen. Denn kurz nachdem englische Gesandte ihrem König Details über die Geldbeschaffung mitteilen, wird Richard nicht mehr in der stark befestigten Burg Trifels gefangen gehalten. Ab nun befindet sich in der Nähe des kaiserlichen Hofes in Hagenau, Worms und Speyer.

Offenbar war sich Kaiser Heinrich VI. sicher, bald das vereinbarte Lösegeld zu erhalten, weshalb die verschärften Haftbedingungen nicht mehr nötig waren. Richard Löwenherz wird nach seiner Zeit auf der Burg Trifels von seinen Bewachern deutlich ehrenvoller behandelt. Die relativ große Bewegungsfreiheit erlaubt Richard sogar, eine Vielzahl englischer Würdenträger zu empfangen.

Abbildung von Kaiser Heinrich VI. aus der Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse). (Abbildung: Universitätsbibliothek Heidelberg)

Die Freilassung Richards

Nach langen und zähen Verhandlungen zwischen Richard Löwenherz, Kaiser Heinrich VI., Herzog Leopold V. und König Philipp August kommt es schließlich Anfang Februar 1194 zur Freilassung von Richard Löwenherz.

Die Beschaffung der enorm großen Menge an Silber hatte sich als äußerst aufwendig herausgestellt. Johann Ohneland, der Bruder Richards, verschärfte die Lage zusätzlich durch seine Weigerung, das Lösegeld zu bezahlen. Seine Hoffnung: Er wollte selbst länger an der Macht bleiben in England. Schließlich gelingt es Eleonore von Aquitanien, der Mutter Richards, dann aber doch, das Lösegeld aufzubringen.

Für England war die Zahlung des Lösegeldes ein wirtschaftliches Desaster: Aus der Zeit um 1190 lassen sich heute praktisch keine kostbaren Silbergegenstände in England finden – alles Wertvolle wurde zur Zahlung des Lösegeldes verwendet.

Diese Stadtansicht von Wien aus der Schedelschen Weltchronik zeigt die Stadtmauern, die mit dem Lösegeld finanziert wurden. (Abbildung: Bayerische Staatsbibliothek)

Verwendung des Lösegeldes und Rückkehr nach England

Heinrich VI. und Leopold V. nutzen den Geldsegen, um in Worms, Speyer und Wien neue Stadtmauern zu errichten. Auch die Wiener Neustadt wird mit dem Lösegeld finanziert. Heinrich VI. nutzt seinen Anteil, um ein Heer auszurüsten, mit dem er seinen Erbanspruch auf das Königreich Sizilien durchsetzt.

Zurück in England lässt Richard Löwenherz sich erneut krönen. So will er laut dem Geschichtsschreiber Gervasius von Canterbury die „vorausgegangene Schmach der Gefangenschaft“ loswerden und seine beschädigte Ehre wiederherstellen.

Literatur zur Gefangenschaft von Richard Löwenherz

Görich, Knut: Verletzte Ehre. König Richard Löwenherz als Gefangener Kaiser Heinrichs VI., in: Historisches Jahrbuch 123 (2003), S. 65-91.
Gillingham, John B.: The Kidnapped King: Richard I in Germany, 1192–1194. In: Bulletin German Historical Institute London 30 (2008), S. 5-34.
Berg, Dieter: Richard Löwenherz. Darmstadt 2007.

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