Das Prüller Kräuterbuch

Orientiert man sich an der Anzahl der überlieferten Handschriften, dann gab es auch im Mittelalter so etwas wie literarische "Bestse...

Orientiert man sich an der Anzahl der überlieferten Handschriften, dann gab es auch im Mittelalter so etwas wie literarische "Bestseller". Im 12. Jahrhundert zählten dazu sicherlich die Kaiserchronik, das Rolandslied und auch geistliche Texte wie die Psalmen-Übersetzungen des Benediktinermönchs Notker aus Sankt Gallen.

Doch auch eine kleine medizinische Schrift gehört zu den am meisten verbreiteten Texten des 12. Jahrhunderts - das sogenannte Prüller Kräuterbuch. Wie der Name verspricht, handelt es sich dabei um eine Sammlung von bekannten und wirksamen Heilpflanzen und Arzneimitteln auf pflanzlicher Basis.

Die Besonderheit: Das Prüller Kräuterbuch ist das älteste Kräuterbuch in deutscher Sprache! Es markiert damit den Beginn der deutschsprachigen Medizinliteratur. Erstmals wurden also medizinische Inhalte ins Deutsche übersetzt, die bisher ausschließlich im gelehrten Latein diskutiert wurden.

Das Prüller Kräuterbuch. (Abbildung: Bayerische Staatsbibliothek, Clm 536, Honorii Augustodunensis liber de imagine mundi [u.a.], entstanden um1143-1145, fol. 86r)

Ein Kräuterlexikon für alle Gelegenheiten

Das Prüller Kräuterbuch enthält insgesamt 18 Heilpflanzen, die in jeweils einem kurzen Textabschnitt behandelt werden. Nach der Nennung der Pflanze folgt eine einfache Anweisung zur Anwendung sowie zur Dosis. Und natürlich werden auch die Krankheiten und Beschwerden genannt, die man mit den Heilpflanzen lindern kann.

Zu den im Kräuterbuch behandelten Krankheiten zählen unter anderem Erkrankungen von Kopf, Hals, Brust und Bauch. Auch für eher allgemeine Beschwerden kennt das Kräuterbuch Linderungen. Zusätzlich gibt es Heilmittel für Frauenkrankheiten und ein paar Tipps zu Mitteln, die die Potenz steigern können.

Ein Klick auf die Pflanze führt zu der im Prüller Kräuterbuch versprochenen Heilkraft:

Stirbt ein Embryo noch im Mutterleib, dann kann Ysop mit warmem Wasser einen Abgang des toten Kindes auslösen. Das Kraut hilft außerdem auch gegen einen entzündeten Magen.
Siedet man die Pflanze mit Essig und nimmt sie ein, dann kräftigt sie das Herz.
Die beiden Pflanzen sollen in Essig gekocht werden und können Tobende beruhigen.
Wird die Pflanze zusammen mit Brot verzehrt, dann hilft sie Menschen, denen die Lende weh tut.
Bei Problemen mit den Augen hilft ein Saft aus Schöllkraut, Wein, Olivenöl und weißem Ingwer.
Beifuß hilft Frauen dabei, sich von der Geburt zu erholen. Bindet man einer Wöchnerin Beifuß auf den Bauch, so erholt sie sich schneller. Zu lange sollte man die Heilpflanze jedoch nicht auf dem Bauch lassen, denn das schadet den inneren Organen.
Zerstoßene Senfkörner helfen in Kombination mit Honig dabei, die Haut jung und straff zu halten.
Minze hilft gegen Haarausfall.
Efeu - als Saft getrunken - ist gut gegen Schlaganfall.
Sellerie hilft bei Bauchschmerzen und kann Choleriker beruhigen.
Der Hauswurz-Saft hilft bei Problemen mit dem Gehör. Dazu mischt man den Saft mit Hühner-Schmalz und tropft die Mischung in das Ohr des Patienten.
Galgant unterstützt bei der Verdauung. Er sorft für einen frischen Atem und steigert die Potenz.
Die Pflanze stärkt den Magen. Citwar hilft bei Verletzungen durch "Eiterwürmer" und ist im Allgemeinen gut für Frauen.
Dank seiner warmen Natur ist Ingwer gut für alte Menschen. Er schützt vor Krankheiten und ist gut gegen Zahnschmerzen.
Perthram beseitigt Rotz und hilft bei allen anderen Erkrankungen des Mundes und der Kehle.
Die Muskatnuss stärkt den Mann und sorgt für "süße Küsse". Hilft außerdem gegen Krankheiten der Leber und der Milz.
Kann die Regelblutung der Frau auslösen und ist gut gegen Gicht und gegen Schwellungen des Leibes.
Süßholz hilft gegen Husten und Brustbeschwerden.


Die Ernte von Galgant aus einer Handschrift des "Tacuinum sanitatis" aus dem späten 14. Jahrhundert. Als Vorlage diente ein arabisches Werk aus dem 11. Jahrhundert. (Abbildung:  Österreichische Nationalbibliothek, Tacuinum sanitatis, Ende 14. Jahrhundert, fol. 32v.)

Die Tradition der Kräuterbücher

Das Prüller Kräuterbuch steht in einer langen Tradition von sogenannten pharmakognostischen Nachschlagwerken. Darin wurden Heilpflanzen und sonstige Arzneidrogen beschreiben und deren Anwendung erläutert. Bereits in der Spätantike komprimierten die Menschen ihr Wissen über Heilpflanzen in Form von solchen Sammlungen. Das sogenannte Herbarius des Pseudo-Apuleius aus dem späten 4. Jahrhundert ist eines der frühesten Beispiele für solche Sammlungen.

Im Frühmittelalter verfasste der Abt Walahfrid Strabo (gest. 849) aus dem Kloster Reichenau sein Liber de cultura hortorum, ein Lehrgedicht über Heilpflanzen und ihre Wirkungen. Das um 1150 an der berühmten Medizinschule von Salerno entstandene Circa Instans umfasste als Arzneidrogenkunde insgesamt 270 Wirkstoffe.

Gemeinsam war den bisherigen Texten jedoch, dass sie allesamt in Latein verfasst waren, der Sprache der Wissenschaft im Mittelalter. Mit dem Prüller Kräuterbuch wurde erstmals medizinisches Wissen über Heilpflanzen in deutscher Sprache niedergeschrieben. Doch wer machte sich die Mühe, das Wissen zu übersetzen? Und woher stammte das Wissen über Heilkräuter überhaupt?

Das Prüller Kräuterbuch listet verschiedene Heilpflanzen und ihre Wirkungen auf. (Abbildung: Bayerische Staatsbibliothek, Clm 536, Honorii Augustodunensis liber de imagine mundi [u.a.], entstanden um1143-1145, fol. 86v)


Woher kam das Wissen über Kräuter?

Die Suche nach den Wurzeln des Prüller Kräuterbuchs hat Historiker ins 12. Jahrhundert geführt. Aus dieser Zeit stammen die ältesten Handschriften in denen der Text des Prüller Kräuterbuch im Verbund mit anderen kleineren lateinischen und deutschen Medizintexten erstmals nachweisbar ist. Entstanden sind diese Kodizes in Benediktiner-Klöstern in Bayern oder Österreich.

Die älteste erhaltene Handschrift des Prüller Kräuterbuchs stammt - so konnte der Historiker Bernhard Schnell nachweisen - aus dem Benediktiner-Kloster Prüll bei Regensburg. In den Schreibstuben dieses Klosters wurde wohl erstmals das weltliche Wissen über Heilkräuter gesammelt und in die Volkssprache übersetzt. Von diesem Kloster hat das Prüller Kräuterbuch auch seinen heutigen Namen.

Die Untersuchung der Handschrift zeigt, dass wohl drei verschiedene Schreiber den Text verfassten - das Prüller Kräuterbuch entstand also mit großer Wahrscheinlichkeit in einem Skriptorium. Als Vorlage dienten wohl lateinische Werke aus der Spätantike wie das oben genannte Herbarius des Pseudo-Apuleius. Doch weil die Beschreibungen im Prüller Kräuterbuch so knapp gehalten sind, ist die Suche nach den genauen Vorlagen sehr schwierig.

Was auffällt: Der deutsche Text ist inhaltlich auf ähnlich hohem Niveau wie die Werke der lateinische Medizinliteratur, die als Vorlage in Frage kommen. Das Prüller Kräuterbuch ist also keinesfalls eine vereinfachende Darstellung des Wissens für Laien, sondern auf dem aktuellen Stand des bekannten Wissens seiner Zeit!

Das Prüller Kräuterbuch ist übrigens kein Einzelkind: Es hat mit dem Prüller Steinbuch noch so etwas wie einen "Geschwistertext". Beim Steinbuch handelt es sich um ein sogenanntes Lapidarium, also ein Verzeichnis von Steinen und Mineralien, deren Heilkräfte beschrieben werden. Das Prüller Steinbuch gilt als das älteste bekannte Steinbuch in deutscher Sprache und beschreibt unter anderem die heilsame Wirkung der zwölf biblischen Steine der Apokalypse. Als Vorlage dienten auch hier Quellen aus dem arabischen Raum sowie das Liber Lapidum des Bischofs Marbod von Rennes (gest. 1123).

Ein Schreiber arbeitet sitzend an seinem Werk - so wie die Mönche in Regensburg am Prüller Kräuterbuch. (Abbildung: British Library, Yate Thompson 26, Beda Venerabilis, Prose Life of Cuthbert, entstanden Ende des 12. Jahrhunderts, fol. 2.)

Wer waren die Leser des Prüller Kräuterbuchs?

Was ein wenig erstaunt: Wieso sollten Mönche ausgerechnet einen Text über Frauenkrankheiten brauchen? Welches berechtigte Interesse hatten Mönche an den Mitteln zur Steigerung des sexuellen Verlangens, die im Prüller Kräuterbuch erwähnt werden?

Das Kloster Prüll war zwar ein Doppelkloster - Mönche und Nonnen lebten also am selben Ort, jedoch streng voneinander getrennt. Doch das erklärt kaum das Interesse der Mönche an Potenzmittelchen. Sehr wahrscheinlich sind die Leser des Kräuterbuchs also außerhalb der Klostermauern zu vermuten. Vermutlich waren die Benutzer des Kräuterbuchs Ärzte, Apotheker und Hebammen, die sich um die Beschwerden und Krankheiten der Menschen in ihrem Umkreis kümmerten.

Ysop, auch Bienenkraut genannt, hilft laut dem Prüller Kräuterbuch gegen einen entzündeten Magen. Noch heute wird die Pflanze aufgrund ihrer entzündungshemmenden Wirkung geschätzt. 

Ausblick: Ein neuer Bestseller

Das Prüller Kräuterbuch war im 12. Jahrhundert ein echter "Bestseller": Das Werk wurde sehr oft abgeschrieben und ist auch heute noch in vielen Handschriften überliefert. Im 14. Jahrhundert nahm das Interesse zunehmend ab, aus dem Prüller Kräuterbuch wurden höchstens noch einzelne Abschnitte in anderen medizinischen Texten übernommen.

Die Ursache für den Bedeutungsverlust des Prüller Kräuterbuchs: Um 1220 entstand der sogenannte deutsche Macer. Dabei handelt es sich um die deutsche Übersetzung eines Lehrgedichts über Kräuterheilkunde, das Odo von Meung um 1065 auf Lateinisch verfasst hatte. Die deutsche Übersetzung des Macer floridus wurde zum Standardwerk im ausgehenden Mittelalter: Praktisch jeder Gelehrte und Mediziner hatte es im Regal stehen.

Das Prüller Kräuterbuch wurde von da an nicht mehr gebracht und durch den umfangreicheren Macer ersetzt. Dennoch bleibt es wegweisend für die Entwicklung der deutschsprachigen Medizinliteratur und ist ein beeindruckendes Beispiel für die weiten Wege, die das medizinische Wissen über Zeit und Raum hinweg im Mittelalter genommen hat.

Literatur zum Prüller Kräuterbuch

Schnell, Bernhard: Das "Prüller Kräuterbuch". Zum ersten Herbar in deutscher Sprache, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 120. Bd. H. 2 (1991), S. 184-202.
Schnell, Bernhard: Das "Prüller Kräuterbuch". Zu Überlieferung und Rezeption des ältesten deutschen Kräuterbuchs, in: Plate, Ralf/Schubert, Martin (Hg.): Mittelhochdeutsch. Beiträge zur Überlieferung, Sprache und Literatur. Festschrift für Kurt Gärtner zum 75. Geburtstag, Berlin/Boston 2011, S. 282-294.

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