Wahlen im Mittelalter: Wenn das Los entscheidet

Als im März 2019 ein ungeregelter Brexit drohte, wurden im Vereinigten Königreich die Forderungen nach einem zweiten Referendum ...

Als im März 2019 ein ungeregelter Brexit drohte, wurden im Vereinigten Königreich die Forderungen nach einem zweiten Referendum immer lauter. Kritiker verurteilten das als antidemokratisch: Schließlich könne man nicht einfach so oft abstimmen, bis einem das Ergebnis dann auch passe.

Dieser Streit dreht sich dabei um eine zentrale Voraussetzung jeder gemeinschaftlichen Entscheidung: Der Beschluss muss am Ende auch (irgendwie) von allen mitgetragen werden – sogar von denen, die ursprünglich dagegen waren. Gibt es darüber keinen Konsens, werden alle Formen kollektiver Entscheidungsfindung im Grunde obsolet. Daneben gibt es weitere Probleme, wenn sich Viele einigen soll: Wie umgehen mit Patt-Situationen? Wie Korruption vermeiden? Wie Manipulation vorbeugen?

Heute gelten allgemeine, gleiche und (zum Teil) geheime Wahlen als der beste Weg, um gemeinsam zu einer Entscheidung zu kommen. Doch im Lauf der Geschichte wurden auch viele andere Ansätze ausprobiert. Eine besonders interessante Mechanik ist dabei das Losverfahren, das im Mittelalter in verschiedensten Formen durchgeführt wurde.

Im heutigen Blog-Artikel gehe ich der Frage nach, in welchen historischen Situationen im Mittelalter gelost wurde und wieso die Beteiligten sich ausgerechnet für das Los entschieden. Wir werden verschiedene Verfahren des Losens kennenlernen und feststellen, dass das Losen nicht so irrational war, wie es für heutige Menschen zunächst klingt.

Kanoniker wählen ihren neuen Bischof. Nicht immer lief das so reibungslos ab wie in diesem Fall. (Abbildung: British Library, Royal 6 E VII, James le Palmer, Omne Bonum, entstanden 1360/75, f. 19.)

Antike Vorbilder: Die Ernennung des Apostels Matthias

In der Antike war das Losen in einigen Kulturen ein häufig genutztes Mittel der Entscheidungsfindung. Am bekanntesten ist sicherlich das Beispiel der attischen Demokratie im 5. Jahrhundert v. Chr.: Wichtige Ämter und die Mitgliedschaft im Rat wurden damals in Athen per Losverfahren vergeben, um Korruption zu verhindern und eine gerechte Besetzung der Positionen zu garantieren.

Auch im Judentum fand das Los breite Verwendung – in fast allen Lebensbereichen: König Saul wurde zum Beispiel per Los zum König bestimmt und auch die Verteilung von Land in Kanaa erfolgte per Los. Das Los war für die Juden ein probates Mittel, um den Willen Gottes zu erfragen.

Kaum verwunderlich also, dass auch die Apostel auf das Los zurückgriffen, als sie eine schwere Entscheidung treffen mussten. Denn weil Judas aus Reue über seinen an Jesus begangenen Verrat Selbstmord begangen hatte, war eine Stelle als Apostel freigeworden – ein neuer Kandidat konnte also als zwölfter Apostel nachrücken.

Um über die Nachfolge zu entscheiden, griffen die verbliebenen elf Apostel auf das ihnen vertraute Losverfahren zurück. Die Entscheidung fiel zwischen zwei Männern, Barsabbas und Matthias. Nach einem gemeinsamen Gebet bestimmte das Los Matthias als neuen Apostel.

Die Textstelle zur Ernennung des Apostels Matthias aus der Apostelgeschichte kann durchaus als die erste Bischofswahl des frühen Christentums gedeutet werden. In der Vulgata, der im Mittelalter verbreiteten lateinischen Übersetzung der Bibel, wird sogar der Begriff episcopatus (also Bischof) verwendet. Trotzdem setzte sich das Losverfahren in der frühen Kirche nicht durch, wenn es um die Bestimmung von Bischöfen und Äbten ging.

Ganz im Gegenteil: Der mittelalterliche Gelehrte Hinkmar von Reims sparte das Losverfahren zum Beispiel komplett aus, als er in seinem Werk „De ordine palatii“ die Textstelle eingehend bespricht. Das Prozedere bezeichnet er oberflächlich als „göttliche Wahl“. Der angelsächsische Gelehrte Beda Venerabilis warnt sogar vor dem Losverfahren, das bei der Ernennung von Matthias nur aufgrund einer besonderen Ausnahmesituation erlaubt gewesen sei: Schließlich hatte die Wahl vor Pfingsten stattgefunden, die Apostel hatten also noch nicht den Heiligen Geist empfangen.

Wie wir sehen werden, war es gerade diese ablehnende Haltung der römischen Kirche, die das Losverfahren bei der Vergabe kirchlicher Ämter für manch anderen zur attraktiven Lösung machte. In den mittelalterlichen Städten scherte man sich nicht viel um das kirchliche Verbot – hier bot das Los eine tragfähige Alternative, um strukturelle Herausforderungen der Stadtherrschaft zu bewältigen.

Die Wahl des Heiligen Aignan zum Bischof

Aus dem Frühmittelalter sind zwei Situationen überliefert, in denen das Losverfahren auch innerhalb der römischen Kirche Anwendung fand. Der erste Fall stammt aus der Vita des Heiligen Evurtius (gest. um 453), die in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts entstand. Darin wird geschildert, wie der Heilige seine Nachfolge als Bischof von Orléans regeln wollte: Er schlug den Priester Aignan vor, doch sowohl Klerus als auch Volk von Orléans hielten Aignan für ungeeignet. Als Ausweg schlug Evurtius schließlich eine Auslosung vor.

Das Prozedere wurde im Vorfeld gut vorbereitet: Die Gläubigen feierten gemeinsam in der Bischofskirche die Messe und beteten die ganze Nacht zusammen darum, den besten Bischof zu erhalten. Man schrieb die Namen von drei Kandidaten auf drei Zettel und platzierte diese auf dem Altar. Auch ein Psalter und ein Evangelium legte man dazu.

Anschließend ließ man einen unschuldigen Knaben, der nicht lesen konnte, einen Zettel auswählen. Und siehe da: Der Junge wählte den Zettel mit Aignans Namen! Als man daraufhin Psalter und Evangelium aufschlug, lesen die Gläubigen jeweils Textstellen, die die Wahl bestätigten: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“ (Matthäus, 16,18).

Der Heilige Petrus gilt als erster Bischof von Rom. (Abbildung: British Library, Egerton 1139, The Melisende Psalter, entstanden 1131/43, f. 206v.)

Damit war allen Anwesenden klar: In der Auslosung hatte sich der Wille Gottes gezeigt. Einmal durch das Losen mit den Zetteln und im zweiten Schritt nochmals durch das Zitate-Losen aus der Bibel. Von dieser doppelten Bestätigung überzeugt, erkannten Volk und Klerus daraufhin Aignan als neuen Bischof an.

In diesem Fall zerstreute das Losverfahren alle bestehenden Zweifel daran, ob Aignan als Bischof geeignet war. Der Heilige Evurtius hatte die Entscheidung in die Hände Gottes gegeben und so seinem Wunschnachfolger eine weitaus größere Legitimation verschafft als durch jede andere Form der Wahl möglich gewesen wäre.

Der zweite Fall stammt von der iberischen Halbinsel: Hier beschloss die Synode von Barcelona im Jahr 599 sogar, das Losen zwischen einer Auswahl aus drei Kandidaten zum festgelegten Prozess bei der Ernennung eines neuen Bischofs zu machen. Auch hier sollten Fasten und gemeinsame Gebete die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.

Auch im weltlichen Recht der Friesen aus dem 6. Jahrhundert war der Losentscheid bekannt als ein Mittel, um nach einem Todschlag im Tumult Gerechtigkeit zu schaffen. In einer ersten Runde schworen sieben Verdächtige einen Reinigungseid. Anschließend zog ein unschuldiger Knabe eines von zwei Stäbchen. Zog er das mit einem Kreuz gekennzeichnete Stäbchen, so galten alle sieben Verdächtigen als schuldig.

Andernfalls wurde erneut individuell gelost zwischen den Verdächtigen. Wer zuletzt übrig blieb, wurde bestraft. Diese Praxis fußte auf vorchristlichen Vorbildern und wurde unter dem Einfluss der Kirche bald zurückgedrängt.

Denn unter Gelehrten und Geistlichen dominierten auch im Hochmittelalter die kritischen Stimmen: Das Losverfahren lehnten die meisten von ihnen ab, denn es bedeutete, Gott in Versuchung zu führen. Losen galt deshalb im kanonischen Recht als ebenso verboten wie Wahrsagerei oder Hexerei.

Was sagten die Gelehrten und Geistlichen zum Losen?

Thomas von Aquin differenzierte beim Losen: Er unterschied zwischen der Wahrsagerei, also der verbotenen Herausforderung Gottes (sors divinatoria) und er erlaubten und zufälligen sors divisoria, die nicht ohne Not und nur in Ehrfurcht vor Gott geschehen durfte. Mit ihr durften nur Entscheidungen über zukünftiges menschliches Handeln getroffen werden, die die Vernunft nicht lösen können.

Trotzdem kam es auch im Hochmittelalter vereinzelt zur Auslosung bei Bischofswahlen, so zum Beispiel im Jahr 1225 in Lucca. Die Nachfolge auf dem Bischofsstuhl fand unter schwierigen Bedingungen statt so dass ein tragfähiger Kompromiss gefunden werden musste, der alle Parteien zufriedenstellen konnte. Und so bestimmte das Los einen Ausschuss aus drei Domherren, die aus ihrer Mitte den neuen Bischof wählten.

Nicht alle waren glücklich über diese Art der Konsensfindung: Papst Honorius III. nahm den Vorgang zum Anlass, um das Losverfahren auf ewig zu verbieten. Dennoch erkannte der Papst die Wahl des neuen Bischofs an – offenbar war ihm und seinen Beratern klar, wie schwer es sich in Lucca gestaltet hatte, einen Weg zu finden, um einen von allen anerkannten neuen Bischof zu finden.

Der Dom von Lucca.

Es gab auch handfeste politische Gründe, warum sich der Losentscheid bei der Besetzung von Bistümern nicht durchsetzte. Denn seit dem Frühmittelalter entwickelten sich Bischöfe zu wichtigen Helfern des Königtums. Die Zusammenarbeit war so eng, dass in der Forschung das Bild vom „ottonisch-salischen Reichskirchensystem“ entstand. Auch wenn die mittelalterliche Realität komplexer aussah als dieses schematische Modell war die Erhebung von Bischöfen für die ottonischen und salischen Könige eine gute Möglichkeit, um sich eine Funktionselite aus persönlichen Vertrauten aufzubauen. Für das Los war da wenig Platz.

In der Zeit des Reformpapsttums im 11. Jahrhundert wurde diese Praxis der Herrscher von Seiten der Kirche immer kritischer betrachtet. Päpste wie Gregor VII. sprach dem König die Kompetenz der Bischofswahl komplett ab. Im Rahmen des sogenannten „Investiturstreits“ kam es schließlich zum Kompromiss: Bischöfe sollten in Anwesenheit des Königs in einer freien kanonischen Wahl bestimmt werden. Vom König erhielt der neue Bischof dann die Regalien und somit seine Ausstattung mit weltlichen Gütern. Auch in Frankreich und England sollte mit ähnlichen Bestimmungen der Einfluss des Königs auf die Bischofswahlen sichergestellt werden.

Wie frei diese Wahlen am Ende tatsächlich waren, lässt sich an einem von König Heinrich II. überlieferten Mandat anlässlich einer Bischofswahl in Winchester ermessen. Darin forderte der König: „Ich befehle euch, eine freie Wahl vorzunehmen, aber nichtsdestotrotz verbiete ich euch, irgendjemanden zu wählen außer Richard meinen Diener.“

Konflikte blieben damit natürlich nicht aus: Als Erzbischof Hubert Walter von Canterbury im Jahr 1205 starb kam es zu einem harten Ringen um die Neubesetzung des Erzbischofsstuhles. Während das Domkapitel ein alleiniges Wahlrecht einforderte, wollten auch die Bischöfe der Kirchenprovinz Canterbury mitbestimmen. König Johann Ohneland andererseits hatte großes Interesse daran, seinen Vertrauten, den Bischof Johann de Grey von Norwich, zum Erzbischof zu erheben.

Denn der Erzbischof von Canterbury war eine wichtige Stütze bei der Herrschaftsausübung der englischen Könige, was Hubert Walter in der Zeit der langen Abwesenheit und Gefangenschaft von König Richard Löwenherz durch sein tatkräftiges Eintreten für die Interessen der Krone eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte.

Mit dem Eingreifen von Papst Innozenz III. eskalierte die Situation vollends. Erst 1213 unterwarf sich Johann Ohneland schließlich dem Papst und akzeptierte dessen Kandidaten als neuen Erzbischof. Das Los kam damals für keinen Beteiligten in Frage – zu Verhärtet waren die Fronten.

Im Lauf des 13. Jahrhunderts griffen die Päpste immer stärker in die Besetzung der Bischofsstühle ein und sahen sich berechtigt, die „Versorgung“ (provisio) eines Bistums mit einem Bischof vorzunehmen (oder sich zumindest bestimmte Fälle zu reservieren (reservatio).) Mit diesem Reservationsrecht flossen erhebliche Geldsummen in die Kasse der Kurie. Zugleich wurde das Wahlrecht der Domkapitel massiv eingeschränkt.

Im 14. Jahrhundert setzten die Päpste ihren Anspruch auf Bischofseinsetzung noch vehementer durch. So kam es zu Konflikten zwischen dem Papst und den sich übergangen fühlenden Bürgern und Klerikern. Diese Streitigkeiten spielen beispielsweise auch beim Konflikt zwischen Kaiser Ludwig dem Bayer und der Kurie eine Rolle. Zudem konnte die päpstliche Besetzungspraxis gut als zusätzliche Einnahmequelle missbraucht werden. Denn indem das Wahlrecht ignoriert wurde und stattdessen der neue Bischof durch päpstliche Ernennung nominiert wurde, konnten von der Kurie höhere Gebühren verlangt werden.

Der Losentscheid hatte damit also zwei entscheidende Makel: Zum einen untergrub er die Autorität des Papstes und der Herrscher, die für sich das Recht auf Bischofswahl reklamierten. Auch das Domkapitel wollte sich die Entscheidung über den neuen Bischof nicht aus der Hand nehmen lassen – egal ob durch Papst, König oder Los. Zum anderen war die Entscheidung einer Neubesetzung oft zu wichtig, um sie dem Los zu überlassen.

Auch in Würzburg konnte man sich 1267 nicht auf einen neuen Bischof einigen. Das Domkapitel konnte sich lange nicht auf einen der beiden Kandidaten festlegen - die Abbildung zeigt die langwierigen Verhandlungen. Zum Los griff man jedoch nicht. (Abbildung: Julius-Maximilians-Universität Würzburg, M.ch.f.760, Lorenz Fries, Chronik der Bischöfe von Würzburg, fol. 210r.)

Das Losverfahren bei den christlichen Reformern

Während die römische Kirche sich also schwer damit tat, Entscheidungen per Los zu akzeptieren, nutzten reformorientierte Christen das aus der Bibel bekannte Losverfahren gezielt, um sich damit extra von Rom abzugrenzen.

So nutzten beispielsweise die italienischen Katharer bei einer strittigen Bischofswahl am Ende des 12. Jahrhunderts das Los, um zwischen den beiden verbliebenden Kandidaten zu entscheiden. Die Böhmischen Brüder nutzten das Los für die Einsetzung der ersten Prediger und Älteren im Jahr 1467 und folgten damit direkt dem biblischen Vorbild aus der Apostelgeschichte. Zusätzlich nahmen waldensische Priester die Weihe vor – so war jede Verbindung zur römischen Kirche durchtrennt!

Der damals so gewählte Bischof Michael von Senftenberg berichtete später:

„Dann unternahmen wir es, uns gänzlich von der Macht des päpstlichen Amtes zu trennen und so auch von seiner Priesterschaft, und aus unserer Mitte Priester zu bestellen; ferner welche die Diener sein sollten, und wer unter ihnen die erste Stelle haben sollte in der Gewalt des Amtes. Und darum beteten wir zu Gott und fasteten, Gott möge uns zeigen, ob er es in jener Zeit haben wollte, und das nach dem Beispiel, wie die Apostel thaten, als sie den Zwölften wählten. Und es kam durch das Los, er wolle es. […] Und wir nahmen zwölf Zettel, und auf drei schrieben wir: ‚ist‘, auf den übrigen allen stand geschrieben: ‚ist nicht‘. Und wir mischten sie unter einander, riefen einen Jüngling herbei, und geboten ihm, die Zettel unter die neun zu vertheilen. Und das Los fiel auf drei, wie wir Gott gebeten, und wir erkannten und fühlten, Gott habe uns heimgesucht.“ (Übersetzung von Jaroslav Goll (Hrsg.), Quellen und Untersuchungen zur Geschichte der Böhmischen Brüder. Bd.1–2. Prag 1878/82, Bd.1, 105f.)


Das Losverfahren in den orthodoxen Kirchen des Ostens

In Novgorod griff man im Mittelalter sehr häufig auf das Los zurück, um den neuen (Erz-)Bischof zu bestimmen: Zwischen 1156 und 1478 wurde in 9 von 21 Fällen ausgelost, ab 1359 sogar regelmäßig. Der Grund für diese extreme Häufung des Losverfahrens lag an der besonderen gesellschaftlich-politischen Situation der Stadt.

Denn das mächtige Novgorod war nicht nur das einzige Erzbistum der russischen Kirche, es war auch ein wichtiges politisches und wirtschaftliches Zentrum, in dem eine Elite aus Händlern und Grundbesitzern die Geschicke der Stadt bestimmte.

Um zu verhindern, dass eine der Großfamilien Novgorods zu mächtig wurde, entschied man sich im 14. Jahrhundert dazu, die Zahl der öffentlichen Ämter massiv zu erhöhen. So wurde vermieden, dass eine einzelne Familie zu viel Macht ausüben konnte. Jetzt waren Koalitionen und Absprachen zwischen den Großfamilien nötig. Das war zwar anstrengend, vermied aber größere Konflikte innerhalb der Stadt.

Wenn sich die insgesamt 24 Bürgermeister, die Äbte und Priester und die Tausendschaftsführer dann nicht einigen konnten, entschied das los – so zum Beispiel bei der anstehenden Wahl eines neuen Erzbischofs im Jahr 1359. In diesen Situationen legte man in Novgorod drei Lose auf den Altar der Sophienkathedrale und nahm zwei davon wieder weg – wessen Los auf dem Altar übrig blieb, der wurde zum neuen Erzbischof erhoben.

Natürlich war auch dieses System nicht ganz frei von Manipulation: 1274 ernannte beispielsweise der sterbende Amtsinhaber noch kurz vor seinem Tod selbst zwei Kandidaten, von denen einer dann tatsächlich gewählt wurde.

Auch in Konstantinopel soll es im 15. Jahrhundert bei der Patriarchenwahl zum Betrug beim Losen gekommen sein. Denn als am 10. Juni 1439 der Patriarch Iospeh II. starb, stand der byzantinische Kaiser vor einer heiklen Situation: Für die von ihm angestrebte Vereinigung von Ostkirche und Westkirche benötigte er einen neuen Patriarch, der das beschlossene Dekret über die Kirchenunion auch umsetzen würde.

Die Suche nach einem neuen Patriarchen gestaltete sich sehr schwierig, am Ende musste das Los zwischen zwei Kandidaten entscheiden. Als dann tatsächlich der Kandidat des Kaisers gelost wurde, machte schnell der Vorwurf die Runde, der Kaiser habe einfach den Namen seines Kandidaten auf beide Zettel geschrieben. Falls dem so war, dann nutzte der Kaiser das Los geschickt, um seine bereits getroffene Entscheidung im Nachgang durch das Los nochmals zu legitimieren und sie als Willen Gottes erscheinen zu lassen.

Losen bei den koptischen Christen – auch heute noch

Noch heute nutzt die christliche Kirche der Kopten in Ägypten das Los, um ihren neuen Patriarchen zu bestimmen, so zuletzt am 4. November 2012. Dabei folgen sie dem aus dem Mittelalter bekannten Verfahren: Ein Junge zog mit verbundenen Augen eine von drei verschlossenen Kugeln. Darin befand sich der Name des neuen koptischen Papstes.

Die Patriarchen von Alexandria gelten als Nachfolger des Evangelisten Markus, der in Alexandria als Märtyrer gestorben sein soll. Die koptische Kirche gilt damit als älteste Kirche der Welt – und das Losverfahren gehört von Anfang an fest dazu. Bereits im Jahr 96 wurde erstmals gelost. Insgesamt entschied das Los 9 Mal über den neuen koptischen Papst, eine reguläre Wahl erfolgte 50 Mal.

Tawadros II. wurde per Losentscheid zum 118. Oberhaupt der koptischen Kirche gewählt. (Abbildung: Wikimedia Commons, Dragan Tatic.)


Wie bei den mittelalterlichen Losverfahren findet bei den Kopten allerdings keine irrationale Lotterie statt. Vielmehr gab und gibt es verschiedene Regeln, die den Ablauf klar festlegen und organisieren: Im Vorfeld mussten sich alle Beteiligten an den genauen Prozess des Losens einigen. Dabei war das Losen nur ein Schritt des Verfahrens, das auch immer von umfangreichen Bewerbungs- und Auswahlphasen begleitet wurde. Nicht nur derjenige, der die Lose zog, wurde sorgfältig ausgewählt. Auch die Auswahl an Kandidaten, zwischen denen das Los entscheiden sollte, war nicht willkürlich, sondern Ergebnis eines rationalen Wahlverfahrens.

Die Losentscheidung war also keineswegs eine irrationale Notlösung aus einer Sackgasse. Denn „die Rahmung des Losens [durch das vorangehende komplexe Auswahlverfahren] macht die Kontingenz des Losverfahrens beherrschbar und damit für die Beteiligten zumutbar“ (Wolfgang Eric Wagner) 

Warum dann überhaupt losen? Bei den koptischen Christen soll das finale Losen zwischen den zuvor ausgewählten Kandidaten zum Beispiel einen verbissenen und unwürdigen Wahlkampf zwischen den potentiellen Patriarchen vermeiden. Auch Bestechung und Wahlmanipulation macht das Los schwierig bis unmöglich.

Losverfahren in mittelalterlichen Städten

Nicht nur in Novgorod bediente man sich des Losens, um Missbrauch, Parteibildungen und zerstörerische Konflikte zu vemeiden. Gelost wurde vor allem in den italienischen Stadtrepubliken – hier war ein Verfahren zur gütlichen Ämtervergabe auch meist dringend nötig.

Ein besonders raffiniertes Verfahren gaben sich ab 1268 die Venezianer für die Bestimmung des neuen Dogen. Es war eine komplexe Kombination aus „Kompromiss, Losentscheid und Skrutinium, um ja jeden Schwindel zu unterbinden und gleichzeitig die Oligarchie der Venezianer Aristokratie zu versteifend“ (Werner Maleczek).

Wer als Doge über Venedig regieren wollte, der musste zuerst ein hochkomplexes Wahlverfahren durchlaufen.

Andernorts kamen Würfel zum Einsatz: In Osnabrück sah die Ratsordnung von 1348 vor, dass die Ratsmitglieder des Vorjahres am 2. Januar öffentlich würfelten. Die beiden Ratsmitglieder mit dem höchsten und dem niedrigsten Wurf durften dann 16 Männer bestimmen, die ihrerseits 16 Wahlmänner bestimmten, die dann schließlich den neuen Rat wählten. Gleichzeitig sorgte ein Proporz dafür, dass jeder Stadtteil entsprechend seiner Größe im Rat berücksichtigt werden musste. 

Ab dem 16. Jahrhundert entschied auch in den kastilischen Städten das Los über die beiden Vertreter, die jede Stadt in die Cortes, die Ständeversammlung, entsandte. Das zu vergebende Amt des procuradores de Cortes war sehr lukrativ und bot neben einer Besoldung die einmalige Chance, mehrere Jahre am Königshof zu verweilen, wo sehr wertvolle Kontakte entstehen konnten.

Mit dem Losverfahren konnte dieses Amt möglichst gleichmäßig und gerecht unter den Mitgliedern der städtischen Oberschicht verteilt werden. Parteibildungen und die Gefahr externer Beeinflussung der Auswahl wurden so ebenfalls eingeschränkt. Wie bei allen anderen hier angesprochenen Losverfahren galt auch in den kastilischen Städten, dass die zur Auswahl stehenden Kandidaten schon im Vorfeld handverlesen wurden. So stellte die städtische Führungsriege sicher, dass nur geeignete Kandidaten aus ihrer Mitte in der Ständeversammlung saßen.

Auch in Genua wurden die fünf Ratsmitglieder per Los bestimmt. Eine Auswahl von 90 Kandidaten stand dafür zur Verfügung. Aus dem regelmäßigen Losverfahren entwickelte sich bald ein Wettbetrieb, aus dem sich später das heute weit verbreitete Lotto entwickelte. Als „Erfinder“ dieser Art des Gewinnspiels gilt der Genuese Benedetto Gentile – er hatte das erste „5 aus 90“ in seiner Stadt populär gemacht. In der Form des Lottos hat das mittelalterliche Losen so bis heute seine Spuren hinterlassen.

Literatur zum Losentscheid im Mittelalter

Stollberg-Rilinger, Barbara: Um das Leben würfeln. Losentscheidung, Kriegsrecht und inszenierte Willkür in der Frühen Neuzeit, in: HA 22 (2014), S. 182-209.
Maleczek, Werner: Abstimmungsarten. Wie kommt man zu einem vernünftigen Wahlergebnis? In: Schneider, Reinhard/Zimmerman, Harald (Hg.): Wahlen und Wählen im Mittelalter. Sigmaringen 1990 (=Vorträge und Forschungen, Bd. 37), S. 79-134.
Schreiner, Klaus: Wahl, Amtsantritt und Amtsenthebung von Bischöfen. Rituelle Handlungsmuster, rechtlich normierte Verfahren, traditionsgeschützte Gewohnheiten, in: Stollberg-Rilinger, Barbara (Hg.): Vormoderne politische Verfahren. Berlin 2001 (=ZHF, Beiheft 25), S. 73-117.
Keller, Hagen: Wählen im früheren Mittelalter. In: Dartmann/Wassilowsky/Weller (Hg.): Technik und Symbolik vormoderner Wahlverfahren. München 2010 (=HZ, Beihefte, NF., Bd. 52), S. 35-52.
Schieffer, Rudolf: Bischofserhebungen im westfränkisch-französischen Bereich im späten 9. und 10. Jahrhundert. In: Erkens, Franz-Reiner (Hg.): Die früh- und hochmittelalterlichen Bischofserhebungen im europäischen Vergleich. Köln 1998, S. 59-82.
Wagner, Wolfgang Eric: Der ausgeloste Bischof. Zu Situation und Funktion des Losverfahrens bei der Besetzung hoher Kirchenämter im Mittelalter, in: Historische Zeitschrift, Bd. 305 (2017), S. 307-333.
Weller, Thomas: Repräsentation per Losentscheid. Wahl und Auswahlverfahren der procuradores de Cortes in den kastilischen Städten der Frühen Neuzeit, in: Schneider, Reinhard/Zimmerman, Harald (Hg.): Wahlen und Wählen im Mittelalter. Sigmaringen 1990 (=Vorträge und Forschungen, Bd. 37), S. 117-138.

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